Tussialarm

Manchmal hält einen ein unpassendes Buchcover vom sofortigen Konsum ab, manchmal schaut man trotzdem rein.  Sowohl Cover als auch der Titel MIT SKALPELL und LIPPENSTIFT  (carl's books) erregen den dringenden Verdacht auf  Tussialarm. Man wird nicht enttäuscht. Dabei könnte die italienische Autorin ALESSIA GAZZOLA mehr als sie da an Oberflächlichkeiten produziert. Die junge Assistenzärztin Alice Allevi, die am Institut für Rechtsmedizin in Rom ihre Ausbildung absolviert, leidet unter  heftigsten Selbstzweifeln. Die Atmosphäre am Institut ist nicht dazu angetan, jungen Frauen weiterzuhelfen, es sei denn, sie schlafen sich nach oben und gefährden die Hierarchie der Alphamännchen nicht. Alice ist allzu neugierig und tollpatschig ist sie auch. Die Ansätze zu einer seriösen Charakterisierung der Hauptfigur und Ich-Erzählerin gehen jedoch bald in Klischees unter. Die Forensik ist bei den Girlies gelandet.

Späte Vergeltung

Klassentreffen sind per se katastrophenträchtig. Eigentlich hat man wenig Lust, Leute zu treffen, die man von Jahrzehnten schon  nicht mochte. Die absurden Protzereien mit Haus, Frau, Kind und Hund- die noch absurderen Babyfotos, die alle gleich ausschaun sind wahrlich nicht das, was man sich von einem interessanten Abend erhofft. Manchmal werden noch alte Rechnungen beglichen wie in dem Krimi SCHWEIGENDE SÜNDE (dtv)von LIENEKE DIJKZEUL. Da wird im Rahmen eines solchen Schulfestes ein Lehrer erschlagen. Und zwar im WC, mit seiner eigenen Krücke. Kommissar Vegter sucht nach dem Motiv. Das ließe ich finden, denn der Lehrer war eine sogenannte schillernde Persönlichkeit. Narzisstisch, engagiert, aber auch ätzend und seine Ex-Frauen und Töchter scheinen ihn keinesfalls zu vermissen. Die holländische Autorin macht aus einem schon oft benützten Plot einen überraschend vielschichtigen Krimi, indem sie etliche Nebenhandlungen entwickelt die die Spannung am Köcheln halten.

Wenn das Unbwusste waltet

Sie war eine reizende alte Lady, da sind sich alle einig,  nach einem Sturz vom Pferd vollständig gelähmt und hilflos ihrem Mörder ausgeliefert, der sie mit einem Kissen erstickte. Das kleine englische Dorf ist in Aufruhr. Der Dorfpolizist  fühlt sich schuldig, weil er die Tragödie nicht verhindern konnte. Er wird von den  hinzugezogenen, ortsfremden Ermittlern beiseitegeschoben und muss sich mit demütigenden Hilfsdiensten zufrieden geben. Das kränkt ihn, zumal er sich auch privat mit großen Problemen herumschlagen muss. Seine geliebte Frau ist unheilbar erkrankt, hat einen Selbstmordversuch hinter sich und braucht zunehmend mehr Pflege. Hinter dem Rücken ihres Ehemannes nimmt sie Kontakt mit  einer Euthanasie-Organisation auf.

Im Altenheim werden weitere Menschen umgebracht. Ist da einer unterwegs, der aus „Mitleid" mordet? Und wie steht es um die geistige Gesundheit der handelnden Personen? Ob man den Schluss für glaubwürdig empfindet oder nicht - BELINDA BAUER, die Wales lebt, gelang mit DER BESCHÜTZER (Manhattan) ein überzeugender Psychothriller zwischen Heidekraut und Stechginster.

Finstere Pferdeboxen

KREUZFEUER (Diogenes)  ist der letzte Roman an dem Vater DICK FRANCIS und Sohn Felix zusammengearbeitet haben, bevor der Dauerbeststellerautor Dick Francis 2010 verstarb. Der Ich-Erzähler kehrt aus dem Afghanistan-Einsatz heim nach England- nicht freiwillig, er hat einen Fuß verloren und als er aus dem Krankenhaus  entlassen wird, weiß er nicht so recht wohin. Die Armee war sein zuhause gewesen, mit dem Stiefvater hat er sich nie vertragen und seine Mutter ist nicht von der  herzlichen Sorte. Dennoch bleibt ihm nichts anderes übrig, als bei ihr  Unterschlupf zu suchen. Die Mutter ist mäßig begeistert und hat Sorgen. Ihr renommierter Rennstall wird anscheinend vom Pech verfolgt, Pferde werden krank und verlieren Rennen, die sie eigentlich gewinnen müssten. Tom kommt bald dahinter, dass seine Mutter erpresst wird und beschließt, einige von den Fähigkeiten, die er als Soldat trainiert hat einzusetzen. Wer Francis kauft, weiß was drin ist. Pferde, Rennen, dunkle Geschäfte, Wetten, britische Gentlemen, die nicht immer koscher sind. Also nichts Neues in der Pferdebox- ausser dass jetzt Steuerhinterziehung und windige Bankgeschäfte hinzukommen. Wird interessant zu sehen, was der Ex-Physiklehrer Felix Francis draus macht, -wenn er denn allein weiterschreibt.

 

Meister des Handwerks

Der Mann hat einen bizarren Job. Sein Auftrag: Folter. Seine Klienten: Menschen, die wissen wollen was ein anderer weiß, aber nicht verrät. Der Mann, der sich Geiger nennt hat etliche ausgetüftelte Folterkammern wo er die Auskunftsunfreudigen zum Reden bringt.

Seine Regeln: es darf bei der Prozedur niemand sterben und Kinder sind tabu. Die Geschäfte laufen gut. Bis jemand einen Buben bringt, der sagen soll, wo sich sein Vater befindet. Geiger streikt und bringt sich damit in Lebensgefahr. Gleichzeitig tauchen Erinnerungsbruchstücke aus seiner Jugend auf. Geiger, der Mann mit den erstaunlichen Fähigkeiten der seinen Vergangenheit derart verdrängt hat, dass er nicht weiß wer er ist, beginnt sich zu verändern. Drehbuchautor MARK ALLEN SMITH hat in seinem Debutroman DER SPEZIALIST (Lübbe) einen interessanten Charakter geschaffen und bringt das Kunststück fertig, dass sich der Leser mit einem Folterer zu identifizieren vermag

Trottel unterwegs

Dass die Finnen ziemlich schräg sein können, weiß man allerspätestens wenn man ihre Krimis liest und ihre Filme sieht. Dieses Klischee  bewahrheitet sich wieder einmal bei TAPANI BAGGE, der als Verfasser von Jerry -Cotton- Romanen begann und sich nun ins moderne Räubergeschäft vorarbeitet. Der Einstieg   liest sich wie eine rabenschwarze Komödie. In Schweden wird ein Geldtransporter überfallen. Die Sprengstoffladung ist zu üppig und so gehen mitsamt dem Lieferwagen auch ein Räuber und ein zufällig vorbeigekommener Polizist drauf. Dann kommts noch dicker. Als die  Gangster sich mit den Geldsäcken dünn machen, erwischt sie ein Tornado, schleudert die Moneten in die Atmosphäre und einen der Räuber auf ein finnisches Lagerhallendach. Bagges Gangster, Rockerbandenchefs und Kleinkriminelle sind allesamt rechte Trottel. Vergebens hecheln sie hinter dem ganz großen Coup her, misstrauen einander mit gutem Grund und richten ein Blutbad von Shakespearschem Ausmass an. SCHWARZER HIMMEL (suhrkamp) erzählt von Existenzen, die sowohl an ihrem IQ als auch an ihrer Faulheit scheitern, ist recht radikal im Schlusstableau und so depressiv wie man es von einem Finnen erwarten darf.

Mörder und Gärtner

In KJELL ERIKSSONS Krimi OFFENES GRAB  (dtv)  steuert alles gemächlich aber unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu. Welche genau das ist und wen es erwischt bleibt bis zuletzt unentschieden.

Bertram von Ohler, ziemlich alt und ziemlich von seiner Überlegenheit überzeugt, erhält zuguterletzt doch noch den Nobelpreis für Medizin. Wie das oft so ist in der Wissenschaft heimst einer allein allen Ruhm für sich ein, obwohl einst ein ganzes Team mitgearbeitet hat. Neben der Prachtvilla von Ohlers lebt dessen einstiger Assistent. Verbittert, feindselig, von Rachephantasien beflügelt. Dann ist da auch noch ein Gärtner, der auch ein seltsames Interesse an dem Patriarchen hat. Und erst die Haushälterin:  ihr ganzes Leben hat sie - aus einer bigotten Familie stammend - der Sippe des Hausherrn gewidmet. Der wiederum hält das für selbstverständlich und meint, dass eine solch weit unter ihm stehende Person sich nicht zu beklagen hat, denn man hat sie ordentlich bezahlt und ihre Wohnung in der Villa großzügig bemessen. Der Klassenunterschied  ist trotz aller pseudoliberalen Bemäntelungen natürlich unüberwindbar; auf einmal bildet sich diese Person ein, ein eigenes Leben führen zu wollen und schickt sich an, die Herrschaft einfach im Stich zu lassen. Bertram von Ohler ist sowieso höchst verärgert. Jemand hat einen Stein durch ein Fenster geworfen, einen Totenschädel aufgepflanzt und er verlangt von der Polizei umgehende Aufklärung. Man kann den Choleriker nicht gut ignorieren, schließlich ist er ein frischgebackener Nobelpreisträger. Kommissarin Ann Lindell hat keinen leichten Job, zumal auch der Gärtner, der  bei einem Nachbarn des Nobelpreisträgers beschäftigt war, verschwunden ist. Es passiert lange nicht viel, die Massaker spielen sich erst einmal in den Menschen selbst ab und wie Eriksson die Spannung aufbaut ist gefinkelt. Ganz am Ende schafft er auch noch einen weiteren bösen Dreh. Ganz fein!

 

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