Schlauer, schneller, st├Ąrker

Marc Elsberg dekliniert in Helix (Blanvalet)) alles durch was die Biotechnologie zu bieten hat und bieten wird k├Ânnen. Beunruhigenderweise handelt es sich bei diesem Thriller um Science-Fiction, von der wir nur noch einen Hauch entfernt sind. Nach der Entwicklung von CRISPR , der Einfachheit halber ÔÇ×Genschere" genannt, tun sich neue M├Âglichkeiten der Gentechnik auf, wobei die Manipulationen gar nicht nachweisbar sind.

Doch der Reihe nach: ein Minister der USA wird mithilfe personalisierter Viren umgebracht. Gleichzeitig gibt es in Afrika Flecken, auf denen die Feldfr├╝chte D├╝rre und Sch├Ądlingen trotzen. Ein Paar entschlie├čt sich zu einer k├╝nstlichen Befruchtung und bekommt ein Optimierungsangebot f├╝r ein perfektes Kind. Soll man, falls das m├Âglich wird, ein solches Angebot annehmen? Einen Vorsprung f├╝r den Nachwuchs im b├Âsen Konkurrenzkampf werden sich doch auch andere Eltern w├╝nschen? Und was werden optimierte Kinder von ihren vergleichsweise neandertalerartigen Eltern halten? Bei der Saatgutoptimierung k├Ânnte ein philanthropischer Guerilla am Werk gewesen sein. Aber zu glauben, dass sich die gro├čen Saatgutkonzerne ein Milliardengesch├Ąft entgehen lassen w├╝rden, muss schon sehr weltfremd sein. Elsberg dekliniert alles durch und l├Ąsst auch den Bioterrorismus nicht aus. Eins steht fest: ein neuer Michael Crichton wird er keiner. Da m├╝sste man sehr viel besser schreiben k├Ânnen. Zudem war offenbar das gesamte Lektorat auf Urlaub, wenn man es dringend gebraucht h├Ątte.

Fest steht auch: Wenn dann irgendwelche Wichtigtuer von einer von einer Zukunft mit Industrie 4.0 raunen, bekommt man einen Lachkrampf. Leute, die Zukunft spielt ganz woanders.

 

Horror aus Island

Es ist eine klassische Situation: eine Gruppe von Menschen ger├Ąt vom

Weg ab und findet Obdach in einem sinistren Haus. Egal ob H├Ąnsel und Gretel, oder Brad und Janet, die auf Dr.Frank N.Furter treffen, -

sowas geht meistens nicht gut aus. Vier besoffene Ausfl├╝gler im fetten

Jeep kurven im Hochland von Island herum und finden die Piste nicht mehr. Das ist

der Ausgangspunkt von Steinar  Bragis  Hochland(DVA). Nun wesen in Island

bekanntlich Trolle unter Wasserf├Ąllen und Elfen unter Felsen. Aber mit

so traditionellem Kinderkram gibt sich Bragi nicht ab. 

In der Finsternis kracht der Jeep in ein Steinhaus und ist unrettbar

kaputt. Im Haus wohnen zwei alte Leute, die sich ob der unerwarteten

G├Ąste nicht gerade erfreut zeigen. Nat├╝rlich gibt es keine

Handyempfang, man ist also den beiden ausgeliefert. Oder man versucht, zu Fu├č in Richtung Zivilisation zu laufen. Aber das entgleist zusehends. Erwartungsgem├Ą├č streiten sich die Paare bald- brenzlige Situationen sind der Lackmustest f├╝r die Haltbarkeit einer Verbindung. Abseits der Komfortzone funktioniert nichts mehr. Die beiden Alten in ihrer Steinfestung sind nicht wirklich feindselig, aber wie sie da in dieser Sand - und Steinw├╝ste ├╝berleben, bleibt ein R├Ątsel. Geheime Zimmer, gruselig zahme F├╝chse und eine absolut brutale Natur plus Halluzinationen vom Feinsten, da ist man schon beinah einverstanden mit dem Klappentext: Hier w├╝tet ein Stephen King aus Island.

Eine Verwechslung

Dana ist auf einen Pseudologen hereingefallen.  Gut immer noch besser, als ein Psychopath. Alex ist charmant und intelligent. Er erz├Ąhlt die unglaublichsten Geschichten, die ihm zugesto├čen sein sollen auf so ├╝berzeugende Weise, dass auch Profis ihm auf den Leim gehen w├╝rden. Alex beteuert Dana, dass er sie liebt, und dass er deshalb mit seiner Freundin Schluss machen will um saubere Verh├Ąltnisse zu schaffen.

Als es an Alex' T├╝r klingelt, versteckt sich Dana, um die Verflossene nicht durch ihre Gegenwart zu dem├╝tigen. Aber es ist nur einen Nachbarin- die ist zur falschen Zeit am falschen Ort. Denn es erscheint noch jemand. Ein Mann mit einer Fuchsmaske und erschie├čt die beiden. Offenbar wollte der Fuchsmann eigentlich Dana umbringen. Sabine Kornbichler hat sich einen h├╝bschen Plot ausgedacht. Und

wenn man die Leute, die einem so im Laufe des Lebens begegnet sind, Revue passieren l├Ąsst kommt man locker auf etliche  Pseudologen. Und auf Frauen, die solchen Typen alles geglaubt haben. Insofern ist  Wie aus dem Nichts (Piper) auch eine ganz gute Nachhilfe in Sachen Instinktsch├Ąrfung.

 

Worte und Ruinen

Es ist sonderbar, um wieviel eindr├╝cklicher literarische Schilderungen sein k├Ânnen - im Gegensatz zu den Bildern, die uns t├Ąglich ├╝berfluten. Beispiel: Mechthild Borrmanns Tr├╝mmerkind (Droemer). Sie schildert den Hungerwinter 1946/47 im zerbombten Hamburg. Es ist ganz normal, dass man den Erfrorenen die Kleidung auszieht, weil man sonst selbst erfrieren m├╝sste, es ist normal, dass Menschen verhungern, es ist normal, dass Kinder in den Ruinen nach Feuerholz und Metallresten suchen. Das bleibt im Ged├Ąchtnis, weil es so lapidar und genau beschrieben ist. Leider lesen die heutigen Wohlstandsverwahrlosten nicht. Manchmal sagen Worte mehr als Bilder.

Ab in die Wildnis!

Es scheint f├╝r manche Menschen in fortgeschrittenem Alter pl├Âtzlich wichtig zu sein, herauszufinden, woher sie kommen, was ihre Vorfahren gemacht haben. Was unter Spurensuche subsumiert zu werden pflegt. Und nicht wenige schreiben auch dar├╝ber. Linus Reichlin beschreibt in Manitoba (Galiani) eine

solche Suche und er macht das ohne Pathos aber mit herzerw├Ąrmendem Gef├╝hl.

Allerdings jagt sein Held einem ungew├Âhnlichen Familienmythos hinterher. Seine Mutter hat ihm einmal erz├Ąhlt, dass seine Urgro├čmutter ein Kind von einem Indianer hatte. Und das soll so gekommen sein. Die Frau, eine Schweizerin, ist ausgewandert und  hat in Kanada als Lehrerin als Lehrerin in einer Missionsschule der Jesuiten gearbeitet. Dabei soll sie einen Arapaho-Krieger kennengelernt haben. Eine unm├Âgliche Liaison die geheim gehalten werden musste. Als der Arapaho - nat├╝rlich von einem b├Âsen Wei├čen -get├Âtet wurde, ist die Schwangere wieder in die Heimat zur├╝ckgereist. In ihrem Tagebuch erz├Ąhlt die Urgro├čmutter ihr ungew├Âhnliches Leben. Fest davon ├╝berzeugt, dass ein Tagebuch quasi dem Realit├Ątscheck standh├Ąlt, reist der Autor auf den Spuren der Urgro├čmutter ins Reservat.  Blo├č scheint die kr├Ąftig geflunkert zu haben. In den Reservaten geht es l├Ąngst um Assimilation und Geld und der Erz├Ąhler trifft auf ganz pragmatische Ureinwohner. Er will sich unter Berufung auf seine Vorfahren in die Stammesrolle eintragen lassen. Irgendwie m├╝hsam f├╝r die Reservatsbeh├Ârde, denn der Mann ist nicht der erste der hier aufl├Ąuft und unbedingt dazugeh├Âren will. Der Sohn des Erz├Ąhlers h├Ąlt nichts vom Indianerfimmel seines Vaters; er ist auch Schriftsteller, die unterschwellige Rivalit├Ąt wird sp├╝rbar. Und mit der Ex kommt der Erz├Ąhler auch nicht wirklich zurande. Es ist die Geschichte einer Selbstsuche und einer gro├čen Entt├Ąuschung. Die darin gipfelt, dass der Autor aus der gemieteten Blockh├╝tte in der er ein bisschen Wildnis schnuppern wollte, harsch vertrieben wird. Das Charmante an diesem Roman ist die Selbstironie, der scharfe Sinn f├╝r absurde Details und  die Weigerung, sich in tragischem Selbstmitleid zu baden. Urgo├čmutters Tagebuch taugt nicht als Sinngebung. Der Schreiber wird es ├╝berleben. Und der Leser dankt f├╝r ein intelligentes, sprachlich ganz wunderbares Buch.

 

 

China, jenseitig

Achtung, ├ťberraschungsei! Man ist von dem schwedischen Autorenduo mit dem Pseudonym Lars Kepler Krimis gewohnt. In der ├╝blichen soliden skandinavischen Art, was hei├čt, erfolgreich, seriell. Jetzt aber: Abtauchen ins Phantastische. Eine Soldatin zeigt nach einem Kriegseinsatz in Serbien bei dem zwei ihrer untergebenen Soldaten f├╝r die sie verantwortlich war, erschossen wurden, psychische Beeintr├Ąchtigungen. Obwohl ihr sogar offiziell mit einer Auszeichnung bescheinigt wurde, dass sie sich bei dem Einsatz richtig verhalten hat, lassen sie die Selbstvorw├╝rfe nicht los. Sie erinnert sich, als sie, beinahe t├Âdlich verwundet, w├Ąhrend ihres Herzstillstandes in ein Zwischenreich zwischen Leben und Tod geraten ist. Und zwar nicht in der herk├Âmmlichen Form eines leuchtenden Tunnels und irgendwelcher winkender Ahnen, sondern in einer chinesischen Hafenstadt. Dort , im immerw├Ąhrender geisterhafter D├Ąmmerung, sind tausende Menschen  gestrandet, die abgewogen werden, eine Metallplakette bekommen und entweder auf ein Schiff  verladen werden, oder an Land bleiben. Erstere sterben in der diesseitigen Welt tats├Ąchlich, das Schicksal der anderen muss sich erst erf├╝llen. Playground  (Piper) ist eine Mischung aus Kafka, Alfred Kubins ÔÇ×Andere Seite" und die Tribute von Panem. Eine k├╝hne Synthese, die auf weite Strecken funktioniert, weil die Atomsph├Ąre dieser gewaltt├Ątigen, schmutzigen und brutalen Hafenstadt so unglaublich plastisch ausgemalt wird, dass auch jemand, der mit der Meterware Phantastik wenig anzufangen wei├č, in diese suggestiven Bilder hineingezogen wird. Das ist ganz gro├če Klasse. Am Ende wird das zwar etwas zu sehr in die L├Ąnge gezogen bis alle Todesarten durch sind, aber es ist ein interessanter Versuch f├╝r Leser denen Genreschranken egal sind.

TV-Trottel

Fabbio ,ein etwas eingebildeter Schauspieler, soll sich auf der B├╝hne erschie├čen. Sch├Ân bl├Âd, wenn  die Pistole mit einer echten Patrone geladen ist. Fabbio ist daraufhin Geschichte.  Jemand hat das B├╝hnenrequisit manipuliert. Seine Frau bekommt dadurch Aufwind. Sie macht gerade in einer dieser uns├Ąglichen TV-Shows mit und jetzt ist ihr Publicity-Faktor raketengleich in die H├Âhe geschnellt. Die brasilianische Autorin  Patricia Melo zeigt welch tiefes Niveau diese ÔÇ×Realityshows" speziell in Brasilien erreichen k├Ânnen,- dagegen ist der ganz europ├Ąische Mist geradezu auf Universit├Ątslevel. Das ist saukomisch und auch zynisch. Die M├Ârderjagd ist ein bisschen verwickelt, aber der Hohn mit dem Melo den in manipulativen Unterhaltungsbetrieb zur Verbl├Âdung der Massen ├╝berzieht, ist wirklich ein Highlight (Tr├╝gerisches Licht, Tropen).

 

AutorInnen

instantÖ Design Wien
Site by