Dorf in Furcht

Das ist  fies. Ein putziger Umschlag, fast wie ein Adventkalender mit kleinen Häuschen und Bäumchen suggeriert eine nette Geschichte aus einem englischen Dorf. Und in der Tat ist es hier ganz beschaulich und reizend.  Die Autorin beschreibt so liebevoll all die kleinen Details eines langweiligen Spießerlebens, dass man sehr bald den Verdacht hegt, es müsse sich um feinen Sarkasmus handeln. Die Nachbarn kennen einander, etliche sind sehr gottesfürchtig, der Laien-Reverend- oder wie immer man das nennt-ist bemüht um seine Schäfchen. Dass die aufreizende Deloris sich etwas zu neugierig und schlampenhaft benimmt wird quasi durch die asketische Nachbarin wieder aufgehoben. Diese Anna, die wenig redet, viel in der Kirche hockt und schöne Kissen stickt, verschwindet eines Tages aus ihrem Häuschen. Nun ist es so, dass es im Dorf  eigentlich nicht ganz so idyllisch zugeht. Denn die Bewohner fürchten sich. Seit geraumer Zeit steigt ein Unbekannter in die Häuser ein und hinterlässt diskrete Spuren. Ein verrückter Gegenstand da, ein Schmutzfleck auf dem Flur hier, und im Haus des freundlichen Dorfpolizisten hat er fettige Fingerspuren am Badezimmerspiegel hinterlassen. Es wird nichts gestohlen, was das Ganze noch gruseliger macht. Und nun ist die harmlose Anna weg. Entführt? Gar ermordet? Harriet Cummings erster Roman Eine von uns (Deuticke) wurde, wie sie im Nachwort schreibt, von einem echten Kriminalfall im Jahr 1968 angeregt. Damals gab es einen Eindringling, den die Leute bald „Fox" nannten, weil er sich so unsichtbar bewegte, wenn er in die Häuser einstieg. Allerdings war dieser Fox auch gewalttätig, er konnte nur mit einem immensen Fahndungsaufwand gefasst werden. Er erhielt, wie Cummings berichtet, sechsmal lebenslängliche Haft (!) und wurde 2012 mit neuer Identität aus dem Gefängnis entlassen...Und wo blieb Anna? Wird Deloris ihren bescheuerten Ehemann verlassen?

Mangels an Beweisen

True Crime aus Frankreich: Pascale Robert-Diard ist langjährige Gerichtsreporterin bei Le Monde und als solche agiert sie auch in ihrem Buch Verrat (Zsolnay). Lapidar ist zu lesen, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt. Geschildert wird ein Kotzbrocken namens Maurice, der  nichts anbrennen lässt. Drei Frauen, die sich mit Maurice eingelassen haben, haben einen Selbstmordversuch unternommen. Eine weitere junge Frau gilt als „vermisst", denn man hat ihre Leiche nie gefunden. Dass Maurice sie umgebracht hat ist sehr wahrscheinlich, denn er zog aus ihrem Tod materiellen Nutzen. In Gegenwart seiner Söhne hat Maurice einmal geäußert, dass man ihm nichts nachweisen könne, wenn man die Leiche nicht findet.

Als Maurice mangels an Beweisen freigesprochen wird,  schweigt man jahrzehntelang. Aber das Wissen, dass der Vater sehr wahrscheinlich ein Mörder ist, belastet einen der Söhne derart, dass er nach Jahrzehnten als der Prozess wieder aufgerollt wird zum „Verräter" wird. Die geschiedene Mutter und der zweite Bruder beteuern, dass sie sich an eine solche Aussage nicht erinnern können. Ein Alptraum für den „Verräter", der plötzlich allein und als Zerstörer dieser dysfunktionalen „Familie" dasteht. Das Protokoll eines lange ungesühnten Mordes ist nüchtern, von einer kalten, sezierenden Sachlichkeit mit der sich die Autorin distanziert.

Das eigentlich Dramatische ist der Vorgang, wie eine Familie durch ein finsteres Geheimnis implodiert, wie lange es dauern kann bis einer erkennt, dass er dadurch psychisch vernichtet wird und wie diese Implosion schließlich vor den Augen der Öffentlichkeit stattfindet. Dann, am Ende, lässt einen der Satz "Eine wahre Geschichte" wirklich schaudern.

Harte Bandagen

Ein amerikanischer Bergbaukonzern interessiert für Bodenschätze in Polen. Es ist absehbar, dass das nicht ohne größere „Zahlungen" an wen auch immer vonstatten gehen wird. Dass die Gegend durch den Bergbau so gut wie tot sein wird, kratzt keinen der Verantwortlichen. Ziemlich viel Geld ist verschwunden, ein Code für das Konto auf einer Schweizer Bank wird gesucht und dabei  geht es heftig zur Sache. Ein Journalist wird während seiner trashigen Radiosendung von einem Freund angerufen, der in eine Intensivstation eingeliefert wurde. Als der Journalist im Krankenzimmer ankommt, wird der schwer verletzte Schulfreund gerade von einer düsteren Gestalt gewürgt. Leider ist der ermittelnde Polizist einer von den Bösen. An der Jagd nach dem Code sind legale, halblegale und kriminelle Elemente beteiligt. Es wird im Übermaß geschossen und gefoltert, Autos zu Schrott gefahren und Maulwürfe enttarnt. Wer jetzt in wessen Sold steht bleibt meistens undurchschaubar und den Zivilisten, die in das Schlamassel geraten, fliegt ihr früheres Leben um die Ohren. Dominik Rettinger tut in Die Klasse (Zsolnay) des Guten zuviel: nicht auf jeder Seite muss wer getötet werden oder etwas in die Luft fliegen um einen spannenden Thriller zu produzieren. Seine finsteren Einfälle und Details würden für zwei Thriller locker reichen. Wenns denn schon um kriminellen Bergbau gehen soll wäre Steffen Jacobsens Thriller Lüge(Heyne) die bessere Wahl.

Botanische Verwirrungen

Holprig wie der Titel Dem Kroisleitner sein Vater kommt der Krimi von  Martin Schult (Ullstein) daher. Sehr positiv ist jedenfalls, dass es sich nicht um einen putzigen Heimatkrimi handelt sondern um eine ziemlich spröde Angelegenheit, wobei das Personenverzeichnis gute Dienste leistet. Der alte Kroisleitner ist 104 Jahre alt geworden und dann eines merkwürdigen Todes gestorben. Mit blauer Zunge und aufgeschürften Knien liegt die Leiche im Gelände. Es prallen alsbald  Leute aus der Großstadt und aus dem steirischen Dorf aufeinander. Das funktioniert kommunikationstechnisch ganz schlecht zumal sich da auch noch ein urlaubender Kommissar aus Berlin einmischt. Ausserdem kommt eine erfolgreiche Sängerin, die das Glamour-Leben satt bekam und ihren eigenen Tod inszeniert hat, in ihr heimatliches Dorf zurück und sorgt für zusätzliche Verwicklungen. Die Dame erinnert an Amy Winehouse, ein witziger Einfall des Autors, der hier aber irgendwie überkandidelt rüberkommt. Schult gelingt ansonsten es ganz gut, dem Dorfleben Atmosphäre einzuhauchen aber in Sachen Flora hat Schult unentschuldbar geschludert. Das Bärlauch-Pesto, das eine gewisse kriminelle Rolle spielt  kann unmöglich Blätter der Herbstzeitlose enthalten. Weil: diese Pflanzen wachsen nicht auf einem gemeinsamen Standort. Bärlauch ist im Wald zuhause, die Herbstzeitlose auf der Wiese. Und die Jahreszeit ist auch daneben. Bärlauch pflückt man im Frühjahr im Wald, er braucht Licht und sobald die Bäume austreiben ziehen sich die Blätter ein, die Herbstzeitlose hingegen- siehe Namen... Was dem Autor wohl vorschwebte, ist eine Verwechslung der Bärlauchblätter mit Maiglöckchen. Das passiert immer wieder mal und führt eher nicht zu harmloser Übelkeit sondern im krassesten Fall zum Tod. Die Botanik ist ein Hund...

Ein schneller Tod

Hat er sie umgebracht oder nicht? Die junge Frau ist offensichtlich erstickt. Der fette Schauspieler, ein ausgemachtes sexistisches Ekel, ist der klassische Verdächtige. Die Leiche in seinem Hotelzimmer kann er sich nicht erklären. Angeblich war die Dame noch quicklebendig als er kurz zur Toilette musste. Und der Bodyguard, ein mächtig großer Vertreter der amerikanischen Ureinwohner von Stamme der Cree trägt auch nichts Erhellendes zum Fall bei. Die Mafiosi, die in den Schauspieler wie in eine Aktie investiert haben, sind nicht daran interessiert dass, - welche Wahrheit auch immer-, zutage tritt und machen Spenser das Leben schwer. Spenser hat also wieder einmal ein frustrierendes Rätsel zu lösen. Was sich erst bessert, als der Bodyguard  zu Spenser überläuft.

Robert B. Parker, der 2010 starb, war ein Vielschreiber. Spenser und der Cree-Indianer (Pendragon) ist typisch für seinen Stil: schnelle, sehr witzige Dialoge, absolut respektlos und politisch unkorrekt, aufgelockert mit saftigen Nahkampfszenen wobei

wobei die Moves nicht immer ganz nach vollziehbar sind. Aber egal,

eine Überdosis Parker muss ja nicht sein, aber ab und zu macht er

Spaß. Und einen Vorteil hat das Buch noch, es ist schmal und leicht und passt daher gut ins Fluggepäck.

 

 

Permanente Paranoia

Schön blöd wenn man, nichts Böses ahnend eine Waldpartie mit dem Rad unternimmt und dabei zufällig Zeuge eines Doppelmordes wird. Das passiert einem leicht übergewichtigen, ansonsten total langweiligen Menschen der, für ihn selbst unerklärlich, nicht Reißaus nimmt, sondern zu protestieren versucht. Was fatal ist, denn der Mörder ist ein hartgesottener Mafiaboss, der seine untreue Geliebte und deren Gespielen ermordet hat. Logisch, dass der schwer vergrätzte Mörder den einzigen Zeugen aus dem Weg räumen will. Der Ich-Erzähler wird von der Polizei dazu überredet, gegen den Mafioso auszusagen. Man verspricht ihm dafür ein total neues Leben mit neuer Identität und neuem Wohnort. Der Mann lässt sich darauf ein und damit beginnt eine Reise in die permanente Paranoia. Er traut allmählich seinen Beschützern nicht mehr und ist ständig auf der Flucht. Ist der Tourist, der so intensiv schaut, ein Auftragskiller?  Manchmal muss man eben präventiv handeln, nach dem Motto: erst umbringen, dann fragen. Das erzählt Claus Probst in Die Jagd (Fischer) flott, leichtfüßig und dramatisch. Die Frage, wie sich Bedrohung auswirkt und die Persönlichkeit verändert ist eine ernste; die kompromisslos letalen Kampfszenen hingegen haben eher Unterhaltungswert.  

Grenzgänge

Das Klischee des verrückten Psychiaters ist nicht neu; der geringe Unterschied zwischen Patient und Arzt in Hinsicht auf psychische Stabilität wird in Literatur und Film immer wieder ernst und unernst durchdekliniert. Sabine Trinkaus hat sich für ersteres entschieden. Die Psychiaterin Nadja Schönberg bekommt einen komplizierten Fall zugewiesen. Konstanze Friedrichs ist eine prominente TV-Größe und ziemlich von der Rolle. Für die Klinik bedeutet ein Promi viel Renommee, auch wenn das Management darauf bedacht ist, den Aufenthalt der Dame in der Psychiatrie unter Verschluss zu halten. Konstanze  fühlt sich von ihrem sadistischen Ex verfolgt. Nadja Schönberg soll die am Rande von Nervenzusammenbrüchen Wandelnde wieder stabilisieren.  Das Problem ist nur, was ist wahr, was ist falsch was die Patientin da erzählt? Wenn der Ex vor den Augen Konstanzes ihren kleinen Hund auf bestialische Weise umgebracht hat, warum sind dann keine Spuren vom Kadaver zu finden?  Der Ex wiederum hält Konstanze für eine drogensüchtige, karrieregeile, eiskalte Irre. Die Widersprüche lassen sich lange nicht auflösen und daraus bezieht Seelenfeindin (Emons) natürlich die Spannung. Das Thema Wahn und Wirklichkeit ist in jüngster Zeit von Federico Axat in Mysterium (Atrium) aufgegriffen worden und in einen feinen, ganz außergewöhnlichen Thriller gepackt worden.

Teddy, bei dem ein Gehirntumor diagnostiziert wurde, glaubt, dass seine Sinnesverwirrungen von seinem lädierten Denkorgan erzeugt werden. Die Psychiaterin Laura bemüht sich, Licht in dieses schwarze Tohuwabohu zu bringen, doch es gibt unvorhersehbare Komplikationen. Der argentinische Autor zelebriert hier die Brüchigkeit der Wahrnehmung auf raffinierte Weise. Unbedingt lesenswert.

 

AutorInnen

instant Design Wien
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