Troubles auf Galapagos

Bernhard Kegel, Biologe aus Deutschland, widmet sich neben  seiner wissenschaftlichen Tätigkeit dem Schreiben von Thrillern die mit seinem Fachgebiet zu tun haben. Vorweg: sein neuester Roman Abgrund ( mare Verlag) gehört nicht zu seinen besten, ist aber wegen seines anspruchsvollen Fachwissens, das quaasi nebenher transportiert wird, durchaus lesenswert.

Schauplatz ist einer der Hot Spots der Biologie:  die Galapagosinseln. Just als die Meldung vom Ableben der Riesenschildkröte Lonesome George durch die Medien  geht,

-ein Symbol für das Artensterben-, befindet sich eine Gruppe von Wissenschaftlern auf der Darwin-Station. Kegel skizziert sehr eindrücklich die gegenläufigen Interessen, die auf Galapagos besonders krass zu Tage treten. Einerseits  sind die Inseln ein Tourismusmagnet, andererseits müssen die einmaligen Eilande vor dem Menschenandrang bewahrt werden. Eigentlich ist die Besiedelung vom Festland aus verboten, aber das hindert die Menschen nicht daran, nach Galapagos zu migrieren. Die Interessen der Fischer, die von ihrer Arbeit leben müssen, werden durch die Schutzgebiete des Nationalparks beschnitten, was für die Ortsansässigen schwer zu akzeptieren ist. Das alles ergibt eine explosive Mischung. Die jungen Leute auf der Forschungsstation sind naturgemäß radikal in ihren Ansichten: Touristen sind suspekt, Fischer mindestens genauso. Man plant eine Flugzettel-Aktion für die Touristen, um auf  Klimawandel und Artensterben aufmerksam zu machen. Die Polizei will keinen Tumult, zumal zwei Boote im Hafen Brandanschlägen zum Opfer gefallen sind. Es liegt nahe, dass die zornigen jungen Wissenschaftler verdächtigt werden.

Kegel ist gelegentlich ein wenig belehrend; die langen Episteln über den Klimawandel und die Ignoranz Massen ergeben keinen nervenzerfetzenden Thriller, aber der Schauplatz ist doch sehr speziell, zumal für den Normalverbraucher eine Exkursion nach Galapagos viel zu teuer geworden ist und das Betreten der kleineren Inseln sowieso längst verboten wurde. Ein wenig Bildung schadet nicht; was der Klimawandel in dem speziellen Ökosystem anrichten könnte, wirkt im Text von Kegel erst mal eher spekulativ, hat aber  weitreichende Folgen.

 

 

Grausliche Berge

Was macht ein eleganter römischer Kommissar, der ins Aostatal strafversetzt wurde? Er kifft, um psychisch zu überleben. Und schlägt sich mit banalen Verkehrsunfällen herum. Zwei Trottel sind mit ihrem Lieferwagen gegen einen Baum gefahren und haben das Zeitliche gesegnet. Eine Schülerin ist verschwunden. Ihre Eltern behaupten, sie sei bei ihrer Großmutter zu Besuch. Nur weiß diese nichts davon. Es ist für Kommissar Rocco Sciavone offensichtlich, dass die Eltern etwas verbergen und naheliegend, dass  sie vor den Entführern ihrer Tochter Angst haben. Was der Verkehrsunfall und die entführte Schülerin miteinander zu tun haben erzählt Antonio Manzini in Alte Wunden (rororo) flott und unterhaltsam - und Rocco Sciavone ist sowieso  ein echter  Sympathieträger.

Lauter Klischees

Was war zuerst die Henne oder das Ei? Im Falle von Max Annas' neuem Krimi glaubt man bei einer Nacherzählung des Films „Die Hölle" von Stefan Ruzowitzky gelandet zu sein. Der Beginn geht so: ein illegal in Berlin lebender Schwarzer sieht von seinem Unterschlupf aus in die gegenüberliegende Wohnung in der eine Prostituierte arbeitet. Er sieht, wie ein Kunde die Frau umbringt. Der Mörder hat aber bemerkt, dass er beobachtet wurde und jetzt ist die Jagd auf Kodjo eröffnet. Bei Ruzowitzky ist es eine türkische Taxifahrerin die unfreiwillig Zeugin eines Sexualverbrechens wird. Sie  hat Probleme mit der Polizei, weil die ihr nicht recht glaubt. Kodjo kann wegen seines illegalen Aufenthaltes in Deutschland erst gar nicht zur Polizei gehen. Kommt einem verdammt bekannt vor. Annas, ansonsten als Autor sehr geschätzt, ist diesmal eine Enttäuschung. Illegal (Rowohlt) erzählt von einem schwarzen Wirtschaftsflüchtling aus Ghana in einer sehr einfachen schwarz-weißen Welt. Alle Bullen sind böse, die Deutschen Faschisten, alle Afrikaner nett, die Dealer, die dauernd davonrennen müssen, sowieso und Kodjo verkauft Sex an eine ältere Deutsche, die ihm dafür ein Dach über dem Kopf zur Verfügung stellt. Das ist alles zu klischeehaft um irgendwie spannend zu sein. Auch die Weise, wie Kodjo an Informationen über den Mörder  kommt und seinerseits den Verdächtigen findet, ist ziemlich unglaubwürdig. Manchmal wäre es doch besser, nicht den angesagten und schnell abgelutschten Themen hinterherzuschreiben.

Schiller und Goethe jagen Gespenster

Eine Trouvaille, die schondurch ihre Aufmachung in dunkelblauem Leinen verrät, dass es um etwas  anderes geht, als um einen schnöden Krimi: Stefan Lehnberg lässt Friedrich Schiller eine schaurige Geschichte erzählen die er zusammen mit seinem Freund Goethe erlebt hat.

Der Tod des grobianischen Großherzogs von N., der in Weimar bei Goethes Dienstgeber zu Gast weilte, gibt Rätsel auf. Der Tod soll in Zusammenhang mit einem fluchbeladenen Smaragdring stehen. Als dann auch noch ein anderer Adeliger, anscheinend von wilden Hunden zerfleischt, im Labyrinth des Gartens entdeckt wird, scheint an der Fluch-Theorie doch etwas dran zu sein.

Das Reizvolle an dem Text ist, dass er sich am Schnittpunkt zwischen Romantik und Aufklärung bewegt. Die beiden Genies machen sich unter regem Alkoholkonsum daran, mithilfe der Naturwissenschaften Licht ins Dunkel  des Obskurantismus zu bringen.

Echter Spuk oder Chemie? Gespenster oder bloß gewiefte Geschäftemacher?

Schiller plus Goethe, quasi Holmes und Watson, geraten in angemessen gruselige Umgebungen wie sie die Nachtseite der Romantik liebt: Unterirdische Gänge, Verkleidungen, geheimnisvolle Bootsfahrten und tragische Lebensgeschichten.

Wieweit die Sprache derjenigen angenähert ist, die die beiden Geistesheroen im Alltag benützt haben könnten, mögen auf die Zeit spezialisierte Germanisten beurteilen. Es ist eine natürlich altertümelnd erscheinende, quasi mit Spitzen verzierte Sprache, die heutigen Menschen langatmig erscheinen mag, wenn man Twitter und SMS gewöhnt ist.

Aber Durch Nacht und Wind (Tropen) macht Spaß, auch weil Entschleunigung hier zum bestimmenden Element wird.

 

Böse Mami

Bekannte Frauen, die sich in der Öffentlichkeit zu ihrer Unabhängigkeit und Karriere bekannten, werden von Internet-Trollen verfolgt. Offenbar waren sie zu schwach, dem Terror standzuhalten und so ereignet sich eine Reihe von rätselhaften Selbstmorden. Diese sind alle nach dem Freitod berühmter Schriftstellerinnen inszeniert. Daran mangelt es ja nicht. Virginia Woolf, Sylvia Plath, Marina Zwetajewa und viele andere- sie verweigerten die ihnen zugeteilte Rolle und machten sich auf, ihrem eigenen Weg zu folgen, wobei sie zwangsweise in Konflikt mit dem Patriarchat gerieten.

Carol Jordan und ihre Elitetruppe von Ermittlern kommen sehr langsam einem raffinierten Frauenhasser auf die Spur. Und Jordan hat innerhalb ihres eigenen Polizeiapparates misogyne Neider, die die Superbullin gerne versagen sehen würden. Außerdem bietet sie als Alkoholikerin jede Menge Angriffspunkte. Val McDermid deren Krimis  das unzulängliche Etikett „feministisch" tragen können, beschreibt mit böser Akribie diese schwelenden Machtkämpfe im Job, die ja nicht der poetischen Phantasie entsprungen sind.

Ach ja, das Motiv des Mörders? Das kleine Männchen stand einst nicht im Mittelpunkt der Welt seiner Mami. Die hatte auch noch andere Interessen. Sowas  ist natürlich sehr verwerflich und den ganzen selbstbewussten Schlampen muss Mann zeigen wo der Hammer hängt. Wie dem Troglodyten das nicht ganz gelingt, ist ein recht spannender wenn auch ätzender Krimi. (Schwarzes Netz, Knaur)

Eingefroren

Kalt und kälter, - die Rede ist nicht von unserem Winter, sondern von der Arktis. Dort gerät  eine Frau die ihr Geld als Touristenführerin verdient, in ein Drama das mit ihrer verstorbenen Familie zu tun hat. Nun ist die Arktis groß hat aber den Vorteil, dass es da nur sehr wenige Menschen, sprich Verdächtige gibt, die die junge Frau auf der Eispiste des zugefrorenen Flusses sterben ließen. Die Einheimischen sind nicht gerade Plaudertaschen, die Ermittler brauchen viel Zeit und das Ganze spielt in einer exotischen Landschaft, die sowohl atemberaubend als auch gefährlich ist. Schlittenhunderennen und Schamanen, Karibus und Eiskeller- ist es beruhigend oder beunruhigend, dass, egal wo auf dem Planeten, die Menschen von denselben niederen Motiven getrieben werden? Bernadette Calonego: Die Fremde auf dem Eis, Edition M

Schlauer, schneller, stärker

Marc Elsberg dekliniert in Helix (Blanvalet)) alles durch was die Biotechnologie zu bieten hat und bieten wird können. Beunruhigenderweise handelt es sich bei diesem Thriller um Science-Fiction, von der wir nur noch einen Hauch entfernt sind. Nach der Entwicklung von CRISPR , der Einfachheit halber „Genschere" genannt, tun sich neue Möglichkeiten der Gentechnik auf, wobei die Manipulationen gar nicht nachweisbar sind.

Doch der Reihe nach: ein Minister der USA wird mithilfe personalisierter Viren umgebracht. Gleichzeitig gibt es in Afrika Flecken, auf denen die Feldfrüchte Dürre und Schädlingen trotzen. Ein Paar entschließt sich zu einer künstlichen Befruchtung und bekommt ein Optimierungsangebot für ein perfektes Kind. Soll man, falls das möglich wird, ein solches Angebot annehmen? Einen Vorsprung für den Nachwuchs im bösen Konkurrenzkampf werden sich doch auch andere Eltern wünschen? Und was werden optimierte Kinder von ihren vergleichsweise neandertalerartigen Eltern halten? Bei der Saatgutoptimierung könnte ein philanthropischer Guerilla am Werk gewesen sein. Aber zu glauben, dass sich die großen Saatgutkonzerne ein Milliardengeschäft entgehen lassen würden, muss schon sehr weltfremd sein. Elsberg dekliniert alles durch und lässt auch den Bioterrorismus nicht aus. Eins steht fest: ein neuer Michael Crichton wird er keiner. Da müsste man sehr viel besser schreiben können. Zudem war offenbar das gesamte Lektorat auf Urlaub, wenn man es dringend gebraucht hätte.

Fest steht auch: Wenn dann irgendwelche Wichtigtuer von einer von einer Zukunft mit Industrie 4.0 raunen, bekommt man einen Lachkrampf. Leute, die Zukunft spielt ganz woanders.

 

 

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